Dienstag, 19. April 2016

Die Marianneninsel


Die Marianneninsel

 


Fotografiert aus "Laxenburg, Juwel vor den Toren Wiens", Foto H.Suck
 
 
Wandert man im Schloßpark Laxenburg von der Fähre bei der Franzensburg aus in östlicher Richtung, immer entlang des Ufers des Schloßteichs, so kommt man logischerweise irgendwann an das Ende des Gewässers. Gegenüber einem schmalen Kanal sieht man eine dichtbewaldete Insel und ein wenig weiter vorne erkennt man das Wehr womit der Wasserstand im Teich reguliert werden kann. Sonst ist hier anscheinend nichts Besonderes zu sehen.
 
Und doch … Sogar in den Sommermonaten, wo dichtes Laub der zahlreichen Bäume und Sträucher auf der Insel den Einblick nahezu versperrt, kann man dort etwas Auffallendes feststellen. Durch Lücken im Blätterwald erkennt man, wenn auch nur schemenhaft, verfallenes Mauerwerk eines großen Gebäudes. Es sind die spärlichen Reste eines einst stattlichen Bauwerks: Des Mariannentempels.
 
Besichtigen kann man die Trümmer allerdings nicht. Die Ruine steht ja auf einer Insel, der Marianneninsel, und ist, zumindest im Sommer, vom ‚Festland‘ aus nicht zu erreichen.
 
Erst nach dem Ende der französischen Besatzung dachte Kaiser Franz I. wieder daran den Teich in Richtung Osten zu erweitern. 1809 jedenfalls bewilligte der Kaiser eine dementsprechende anfragende Bitte von Schloßhauptmann Riedl:
 
„Ich genehmige die in der Frage stehenden Arbeiten und ist nur dafür zu sorgen, daß der darauf präl. Kostenaufwand nicht allein nicht überschritten, sondern wo möglich noch daran gesparet werde. Franz m.p.“ (HHStA, OKäA, Kt.65, Nr. 193/1809, 28. Jänner 1809, Intimat an Riedl)
 
Die weiteren Aushubarbeiten (Exkavationen) für den Teich gingen aber nur zögerlich vonstatten. Ein von einem Hauptmann Viebeck gezeichneter Plan der Schloß- und Parkanlage Laxenburg aus dem Jahre 1813 zeigt zwar eine geringe Erweiterung der Wasserfläche, jedoch reichte sie noch lange nicht, wie geplant, bis zur östlichen Parkgrenze. 
 
Auf diesem ‚Gesamtplan von Schloss und Park mit den Sehenswürdigkeiten für die Besucher‘ von Viebeck aus dem Jahre 1813 scheint die Gegend östlich der Franzensburg scheinbar Festland zu sein. In Wirklichkeit ist dieses Land eine einzige riesige Insel, die ringsum von schmalen Kanälen umgeben ist.
 
Auf einem Plan von 1820 ist der Teich nach Osten hin zwar wesentlich erweitert, die Marianneninsel ist allerdings noch immer nicht vorhanden.
 
Kaiser Franz I. erteilte seinen Schloßhauptmann (Riedl) den mündlichen Befehl die jetzt noch bestehende ‚Insel‘ abzutragen, den Teich bis an die östliche Parkgrenze zu erweitern und dabei eine neue Insel auszusparen. Auf dieser Insel sollte dann ein ‚Fischerdorf‘ gebaut werden. Dieses sollte nach Anordnung des Kaisers aus vier ‚Schweizerhäusern' bestehen.  „… nämlich für Seine Majestät den Kaiser [Franz I.], für seine Kaiserliche Hoheit Erzherzog Ferdinand, Kronprinzen, für Sr. Kais. Hoh. Erzherzog Franz und für Sr. Kais. Hoh. Erzherzog Ludwig, das Ganze und der Benennung Ferdinandsdörfl, aufgeführt werden sollten.“
 
Auf einem weiteren ‚Gesamtplan‘, datiert 1830 und signiert von einem Herrn Stumpcher erscheint die Marianneninsel bereits eingezeichnet. Auf der Insel ist auch das Fischerdorf, das „Ferdinandsdörfl“ angedeutet. Gebaut wurde es allerdings nie. Schon deshalb nicht, weil der Teich noch gar nicht so weitreichend ausgehoben war.
 
1835 starb Kaiser Franz I. und sein ältester Sohn folgte ihm als Kaiser Ferdinand I. auf den österreichischen Thron. Bereits 1837 gab der Kaiser den Befehl:
 
„Zur Bestreitung der Kosten eines im Laxenburger Parke zu führenden Baues, worüber Ich dem Schloßhauptmann Riedl Meine Genehmigung ertheilt habe, werden Sie demselben vom Monathe November 1837 an bis inclusive October 1840 monathlich den Betrag von fünfhundert Gulden Conv. Münze aus Meiner Privat Cassa gegen dessen Quittung erfolgen lassen. Ferdinand.“
 
Das war sozusagen der „Startschuß“, um den Schloßteich endgültig auszubauen und die neue Insel entstehen zu lassen. Diese Insel erhielt zu Ehren der Gattin Kaiser Ferdinand I., Kaiserin Maria Anna (Prinzessin von Sardinien-Piemont; *19.9.1803 in Rom, 4.5.1848 in Prag) den Namen Marianneninsel. Kaiser Ferdinand I. wolle allerdings auf dieser Insel kein Fischerdorf errichten, sondern ein seiner Gattin gewidmetes Lusthaus. Am 29. August 1840 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für den zu errichtenden „Mariannentempel“, und am 27. Juli 1841 fand dessen festliche Eröffnung statt.
 
Wie dieses Gebäude 1923 von außen aussah zeigt auch eine Fotografie die mir Hr. Dr. Weber (mein leider schon verstorbener ‚Hausherr‘, der auf dem Bild sogar selbst abgebildet ist) überlassen hat.

 

Mariannentempel 1923
 
 
Gerhard Dützele von Coeckelberghe (Das k.k. Lustschloß Laxenburg“, Wien, 1846) soll uns schildern wie es innen ausgesehen hat:
 
„Die bedeutendste neue Schöpfung im Parke ist der Pavillon auf der Marianen-Insel, zu Ehren Ihrer Majestät der regierenden Kaiserin also genannt. Dort, wo aus dem mit malerisch schönen Baumgruppen umkränzten Parksee, diese Insel, welche mittels einer Brücke mit dem Lande verbunden ist, sich ausdehnt, erhebt sich das Gebäude im gothischen Style. Es bildet ein längliches Viereck von der Höhe einer Etage, mit der symmetrisch schön geordnet und angelegten, dem Baustyle angemessenen, verzierten Facade gegen die kaiserl. Wohngebäude, mit der einen Flanke gegen die Ritterburg, mit der anderen gegen die Stadtseite gewandt; Fronte und Tiefe in gehöriger Proportion mit der Höhe, wie überhaupt der ganze Bau in allen seinen Dimensionen die richtigen Verhältnisse zeigt.
 
Von Außen gegen die Landseite gelangt man über Stufen durch das in der Mitte angebrachte schöne Portal in das Innere, welches in das Hauptschiff und zwei Seitengemächer rechts und links abgetheilt ist, und von der Vorderseite die Aussicht bietet auf die Gebirge, die in den Kahlen- und Leopoldsberg auslaufen; von der Rückseite über den See, nach der großen freien Ebene hin, die sich bis an die ungarische Grenze erstreckt. Der im Bogen gespannte Plafont ruht frei ohne Säulen-Unterstützung auf den Hauptmauern.
 
Der Landschafter Karl Geyling erhielt den Ruf, eine beträchtliche Anzahl von Gemälden auf Glas auszuführen, die an den Flügelthüren und Spitzbogenfenstern angebracht sind, z.B. den Dom zu St. Stephan, die Karlskirche, den Hof, hohen Markt und die Spinnerin am Kreuze nächst Wien. Das herrliche Holzgetäfel darin ist eine kostbare Antiquität; es befand sich bis zum Jahre 1820 in den alten Gilleis’schen und Auersperg’schen Freihäusern in der Herrengasse, woraus das heutige Nationalbankgebäude entstand, und wurde von dem k.k. Schloßhauptmann Riedl von Leuenstern hierher verehrt. In diesem Pavillon ist auch der schöne antike Mosaikboden, „Theseus und Ariadne” vorstellend, der von den Loiger Feldern bei Salzburg ausgehoben wurde, angebracht, und von seltener Schönheit ist die mit künstlichen Malereien geschmückte Sessel-Garnitur welche sein Ameulement bildet.“
 
Der von Coeckelberghe erwähnte Mosaikfußboden wurde 1888 wieder entfernt und in das Kunsthistorische Museum nach Wien gebracht. Ebenfalls entfernt wurden 1901 die Bleikristalluster, die in das Hofmobilien-Depot in Wien überführt wurden. 1903 wurden weitere Kunstgegenstände aus dem Mariannentempel entfernt: „… die in der hieramtlichen Kanzlei deponierten bemalten Türglastafeln vom Marianneninsel – Pavillon an das Hof – Mobilien und Material Depot gesendet.“

 

Ausschnitt aus Kartenplan von 1873


Wenn wir so am Ufer stehen und zur Insel hinübersehen, dann fragen wir uns vielleicht, wie man einst trockenen Fußes dort hinüber zum Mariannentempel gekommen sein mag. Coeckelberghe hat es in seiner Beschreibung schon erwähnt und ein kleiner Ausschnitt aus einem Plan von 1873 (Gradkartenblatt Zone 13 Colonne XV Section c1) zeigt es uns. Etwa bei der schmalsten Distanz zwischen Ufer und Insel befand sich einst eine Brücke.
 
Bedenkt man die von Herrn Coeckelberghe erwähnte kostbare Ausstattung des Mariannentempels, so ist es kaum verwunderlich, daß es nicht lange dauerte, bis der folgende Antrag gestellt wurde:
 
…“Es war schon längst im Antrage, daß der gegen Achau ganz freien Begränzung des Laxenburger Parkes zur Hinanhaltung des schon oft wegen leichter Zugänglichkeit und Mangel an nächtlicher Aufsicht Statt gefundenen Frevels an edlen, kostbaren Bäumen und Gesträuchern ein Wachhaus errichtet werde, welches Erforderniß nunmehr wegen dem auf Anschaffung an jener äußersten Begränzung im Bau befindlichen neuen Gartengebäude, welches mit kostbaren Meubeln eingerichtet wird, um so unerläßlicher ist, als man erst am jüngst verflossenen Samstag, den 20. März l.J. eine beabsichtigte Entfremdung am Bau- und Gerüsthölzern entdeckte, und nachdem dieses Gebäude nach dem Ah. Willen Sr. Majestät bis zu dem im Monate Juli d. J. eintretenden Ah. Feste Ihrer Majestät der Kaiserin vollständig hergestellet und meublieret seyn soll, so ist zur Schützung dieses Gebäudes, der kostbaren Meublirung und der neuen Gartenanlage höchst nötig, daß das pro anno 1842 präliminierte Wachhaus noch im gegenwärtigen Jahre, und zwar so bald als wie möglich hergestellet werde.“
 
Das untenstehende Photo ist im Winter 2001/2002 entstanden. Es zeigt recht eindrucksvoll den inzwischen sehr weit fortgeschrittenen Verfall des einst so berühmten Gebäudes.
 

Ruine Winter 2001 / 2002


 
Im Jahre 2004 schien mögliche Rettung für das Gebäude in Sicht zu sein. Die TU Wien, in Zusammenarbeit mit der Schloß Laxenburg Betriebsgesellschaft und dem Bundesdenkmalamt, erstellte eine Studie unter dem Motto: „Ein Dach für die Marianneninsel“, „Romantische Bauten auf der Marianneninsel“ (G. Esser, K. Tielsch, Y. Amino, u. andere et al.: "Ein Dach für die Marianneninsel - Studierende bauen 1:1"  und „Romantische Bauten auf der Marianneninsel - Rückblick und Ausblick“). Studenten beiderlei Geschlechts der Technischen Universität Wien arbeiteten zwei Wochen lang, begutachteten, vermaßen und erstellten sogar so was wie einen Sanierungsplan, der dann im März 2005 publikumswirksam und in großen Stile im Museum Laxenburg präsentiert wurde. Das war 2005.
 
2016 gibt es noch immer kein Dach für den Mariannentempel und eine Sanierung ist erst recht nicht in Sicht. Das Gebäude ist dem weiteren Verfall preisgegeben.
 
Schade eigentlich, besonders, wenn man die optimistische Zusammenfassung von Arch. Dipl.-Ing. Dr.techn Gerold Esser liest! (Gerold Esser, „Der „Mariannentempel“ im Schlosspark Laxenburg – Eine Bestandsaufnahme“)
 
Einige kleine Zitate daraus:
 ….
„Der Pavillon auf der Marianneninsel, der so genannte "Mariannentempel", ist eine der nach verheerenden Kriegsauswirkungen noch immer in beklagenswertem Zustand dahinvegetierenden Gartenarchitekturen im Park des kaiserlichen Lustschlosses in Laxenburg vor den Toren Wiens (Abb. 606). Als letzte größere Baumaßnahme im Bereich der von Kaiser Franz im Geiste romantischer Rückbesinnung weitgehend umgesetzten und nach dessen Tod im Jahre 1835 vollendeten Parkerweiterung gegen Achau, stellt der Gartenpavillon ein architektonisches Juwel im Stile der späten "Laxenburger Gotik" dar. Seine kurze Bau- und Nutzungsgeschichte läßt sich - soweit bekannt -in wenigen Sätzen zusammenfassen: Nach Erweiterung der Teichlandschaft am äußersten östlichen Ende des Gartens entsteht hier ab 1837 eine kleine, auf Plänen der 1820er Jahre beruhende Insel. Der Architekt des wenig später auf der Insel errichteten Bauwerks ist nicht überliefert. Als sein Schöpfer kann aber wegen der gegenwärtig nicht belegten Zuordnung bekannter Architektennamen dieser Zeit nur der langjährige und verdiente Schloßhauptmann Michael Sebastian Riedl von Leuenstern selbst angenommen werden, der im Übrigen ja auch als der Erbauer der Franzensburg gilt. „
....
„Dank einer 2004/2005 mit Studierenden der Architektur durchgeführten Bauaufnahme der Technischen Universität Wien liegt nunmehr eine vollständige Baudokumentation des Gartenpavillons vor (Abb. 607). Sie hat vor allem eines gezeigt: Das Bauwerk präsentiert sich heute wegen seiner herausragenden bautechnischen Qualität in einem - gemessen an den Verhältnissen - guten Zustand und ist auf Grund der Fülle der erhaltenen Bau- und Ausstattungsdetails sowie einer außergewöhnlich dichten Planlage in nahezu all seinen Einzelheiten rekonstruierbar.“ 
....
Als besonderer Glücksfall kann das Vorhandensein gleich zweier vollständiger Plansätze gelten, welche das Gebäude in Verbindung mit der durch die TU Wien erstellten Bauaufnahme in seinen verschieden Planungs- und Nutzungsphasen dokumentieren. Die chronologisch früheste, sechsteilige Planserie kann auf Grund ihres großen Maßstabs, der genauen Vermaßung in den Einheiten Wiener Klafter, Fuß und Zoll, sowie der technischen Zeichensprache als Bauplan angesehen werden (Abb. 608). Ihre nahezu korrekte geometrische Übereinstimmung mit den Zeichnungen von 2005 belegt ein definitives Planungsstadium kurz vor der Realisierung.
….
Die Vielzahl an teils noch vorhandenen, teils rekonstruierbaren Bau- und Ausstattungsdetails sowie die perfekt konservierte tragende Bausubstanz lassen damit die wünschenswerte Sicherung und denkmallgerechte Restaurierung des kleinen Gartenpavillons der Maria Anna in Laxenburg als lohnenswert und machbar erscheinen. Das durch TU Wien, Bundesdenkmalamt und die Schloß Laxenburg Betriebsgesellschaft bekundete Interesse und Engagement für ein solches Vorhaben rücken seine Erhaltung - bei entsprechender Förderung durch die öffentliche Hand - in greifbare Nähe.
 
Diese im abschließenden Absatz bekundete Zuversicht einer denkmalgerechten Restaurierung ist inzwischen auch schon wieder über ein Jahrzehnt alt…..
 
 
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